Soziales Denken

Die differenzierte Selbsteinordnung, die sich unter anderem in Hugo Junkers' "Industriellem Glaubensbekenntnis" ausdrückte, war ganz gewiss für einen Mann seiner Zeit und seines öffentlichen Ansehens sehr bemerkenswert und in Unternehmerkreisen nicht immer populär.

Sein Sozialverhalten entsprach der von ihm gewählten Maxime: Wer stärker ist als andere, trage Mitverantwortung für sie. Und danach handelte er auch.

Es war üblich, und Junkers hat es bis zu seiner von den Nazis erzwungenen Ver­drängung aus Dessau beibehalten, dass jeder seiner Mitarbeiter ohne umständli­che Anmelderituale mit persönlichen Sorgen zu ihm kommen konnte. Und stets hat er versucht zu helfen.

Er sorgte dafür, dass die Arbeiter und Angestellten gut entlohnt wurden und richtete seinen Blick auf den Arbeitsschutz, die Gesundheitsförderung und verbesserte Wohn­verhältnisse. Kurzum, im Umgang mit den Arbeitern und Angestellten seiner Betriebe trug er „geradezu väterlich", wie mancher in seinen Erinnerungen schrieb, zu einem gesunden Be­triebsklima bei - aus dem sich dann auch der „Junkers-Geist“, entwickelte, der Stolz, ein „Junkers-Werker" zu sein.

Darin waren alle eingeschlossen, auch die Lehrlinge, die gewöhnlich in einem großen Unternehmen vom Firmenchef am wenigsten beachtet werden. Ihnen als den künftigen Facharbeitern widmete Junkers seine besondere Aufmerksamkeit. Im Jahre 1927 schuf er in Dessau als betriebliche Einrichtung für die Nachwuchs­ausbildung nach praxisbezogenen Plänen die Zentrale Lehrwerkstatt der Junkers-Werke mit einer dazugehörigen Werkschule. Erfahrene Meister und Ingenieure vermittelten dort solide Fachkenntnisse. Sie führten die künftigen Geräte-, Moto­ren- oder Flugzeugbauer in die Anforderungen werkspezifischer Präzisionsarbeit ein. Das sicherte erfolgreiche Ausbildungsabschlüsse und den jungen Facharbeitern einen Arbeitsplatz bei Junkers.

Seinen letzten Vortrag hielt er am 11. Oktober 1932 im „Haus der Technik" in Essen, inzwischen im Alter von 73 Jahren. Als ich diesen Vortragstext unlängst wieder las, fiel mir auf, dass sich manche der darin geäußerten Überlegungen durchaus von der Technikebene abheben. Sie  können als eine Vorahnung der Entwicklungen verstanden werden, die mit Beginn des folgenden Jahres 1933 sein weiteres Schicksal bestimmen sollten.

Junkers bei seinem Vortrag in Essen (11.10.1932)

Junkers ging in seinem Vortrag von der Kompliziertheit neuer Lösungswege aus und sagte, dabei „ergeben sich so viele und so mannigfaltige Probleme, dass im­mer eine Zusammenarbeit vieler Mitarbeiter notwendig wird. Die Gefahr von Meinungsverschiedenheiten ist dabei sehr groß, denn jeder einzelne darf und muss sogar selbständig denken und handeln. Bei einer Vielzahl von so selbständi­gen Persönlichkeiten entsteht immer Gärung ... Solche Gärung muss aber sein, wo Fortschritt sein soll. Entscheidend ist, dass aus der Gärung klarer Wein ent­steht. Eine fruchtbare Zusammenarbeit ist nur möglich, wenn zwischen den ein­zelnen Bearbeitern auf den verschiedensten Gebieten und in den verschieden­sten Entwicklungsstadien der engste Kontakt und Gedankenaustausch besteht."