"Selbstbewusste Männer der Arbeit": Lehrlingsausbildung

"Nicht das Kapital, nicht Maschinen und auch nicht die technischen Ideen sind maßgebend für den Erfolg oder Misserfolg wirtschaftlicher Arbeit; die wesentliche Rolle spielt der Mensch." Das war Hugo Junkers' Überzeugung, und darauf hinzuweisen war ihm immer ein besonderes Anliegen. 

Schon früh erkannte Junkers, dass die Aufgaben, die sich aus der Entwicklung der Luftfahrtindustrie ergaben, besondere Maßnahmen zur Heranbildung eines qualifizierten und mit dem Werk fest verbundenen Facharbeiterstammes erforderten. Er wies wiederholt darauf hin, dass die Produktion der Erzeugnisse höchste Anforderungen an die Präzision der Arbeit stellt und dass die Ausbildung des Nachwuchses nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum der Arbeit des Unternehmens stehen müsse. 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in den Dessauer Junkers-Werken die Lehrlinge in der üblichen Weise ausgebildet. Die Lehrzeit betrug 3,5 Jahre. Die Lehrlinge besuchten bis 1927 die Fortbildungsschule. Das Schulgeld und die Kosten für die notwendigen Schulutensilien wurden vom Werk übernommen. Ab 1927 mussten sich die Bewerber für eine Lehrstelle einer Eignungsprüfung unterziehen. Das Ausbildungspersonal der Junkers-Werke wurde von Anfang an aus hoch qualifizierten, erfahrenen Meistern und Facharbeitern ausgewählt. 

Zentrale Lehrwerkstatt

Bei Prof. Junkers und in den Leitungen seiner Dessauer Betriebe reifte der Entschluss, für die vier Junkers-Werke eine Zentrale Lehrwerkstatt aufzubauen. Dazu kaufte Junkers eine ehemalige Fabrik, in deren Räumen die Lehrwerkstatt 1927 ihren Betrieb aufnahm. Die ihr angegliederte Werkschule wurde als Berufsschule von der Anhaltischen Staatsregierung anerkannt. 

In einer Direktoriumssitzung am 13.09.28 wurde dazu Folgendes festgelegt:

"Das Ziel unserer Ausbildung ist es Facharbeiter heranzubilden, die den gesteigerten Ansprüchen unserer Technik und in der industriellen Entwicklung unserer Werke genügen und hochwertige Präzisionsarbeit zu leisten vermögen. (...) Es darf kein Nebeneinander zwischen der fachlichen und menschlichen Ausbildung entstehen, vielmehr muss die fachliche Ausbildung als pädagogisches Mittel für die Erziehung des Menschen dienen..." 

Ein erster Schritt auf dem Wege der Erziehung zum Berufsstolz und des Zugehörigkeitsgefühls zu den Junkers-Werken war die Aufstellung eines Rumpfes einer Junkers F13 vor dem Eingang der Lehrwerkstatt. Vor diesem Flugzeugrumpf wurden alle Lehrlingsgruppen mit ihren Ausbildern fotografiert.

Prof. Junkers betonte stets das starke Zusammengehörigkeitsgefühl in seinen Werken, deren Mitarbeiter sich gewissermaßen als eine Werksfamilie betrachten sollten. So ließ er es sich auch nicht nehmen, die ausgelernten Industrielehrlinge seiner Betriebe auf einer gemeinsamen Veranstaltung in ihre neue Berufswürde, in das Gesellentum, hinüberzugeleiten. 

Über eine solche Veranstaltung berichtete der "Anhalter Anzeiger" am 29.09.1929: 

Dann hieß Prof. Junkers, der mit seiner Gemahlin erschienen war, die Versammlung willkommen, beglückwünschte die jungen Gehilfen und gab ihnen herzliche Wünsche mit auf den weiteren Lebensweg: "Tüchtige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft möchten sie werden. Nun seien sie frei und der Weg in die große Welt stehe ihnen offen, und sie möchten ihn gehen mit gesundem Mut und offenen Augen und sich dort draußen den Wind um die Ohren wehen lassen, zu starken, zielbewussten Männern der Arbeit möchten sie heranreifen und niemals die Heimat vergessen, die ihnen im treuen Elternhaus und in der Lehrlingsausbildungszeit die Grundlage für ihr weiteres Werden geschaffen habe."

Einer der ältesten heute noch in Dessau lebenden ehemaligen Junkers-Lehrlinge ist Dipl.-Ing. Heinrich Hartmann, welcher in der Veranstaltung am 28.09.29 im Beisein Prof. Junkers den Gesellenschlag erhielt und prämiert wurde. Im letzten Lehrjahr fertigte Hartmann neben seinem Gesellenstück das Schnittmodell eines L5-Flugmotors an. Dieses Schnittmodell überreichte Prof. Junkers später der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz/Bodensee.

Fischer von Poturzyn: Innenansicht der Lehrwerkstatt

F.A. Fischer von Poturzyn, jahrelang Nachrichten- und Pressechef der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke Dessau, schreibt in seinem Buch "Junkers und die Weltluftfahrt" über die Junkers Lehrausbildung im Jahr 1931: 

"Die Lehrwerkstatt, in welcher der Lehrling von seiner dreieinhalbjährigen Lehrzeit zwei Jahre verbringt, ist ein in sich abgeschlossener kleiner Werksbetrieb. An die achtzig Werkzeug- und Blechbearbeitungsmaschinen, die Schlosserei, Schmiede, Schweißerei, Hart- und Weichlöterei, die Klempnerei und ein eigenes Material- und Werkzeuglager ermöglichen eine gründliche Einführung und geben einen Überblick in die Zusammenarbeit der einzelnen Arbeitsgruppen. 

Zeichnungsmäßige Ausführungen und Genauigkeit mit Toleranzen bis zu 1/100 mm werden schon in den ersten beiden Lehrjahren feste Begriffe. In den letzten anderthalb Jahren lernt der Lehrling im Werk die speziellen Fabrikationstechniken. Die ergänzende Werkschule gewährleistet durch ihre räumliche Zusammenlegung mit der Lehrwerkstatt, durch ihr der Praxis entnommenes Personal und durch ihre reiche, aus der Praxis entwickelte und gewonnene Lehrmittelsammlung eine Unterrichtsmethode, welche dem bekannten Erziehungswort, dass Anschauung das Fundament aller Erkenntnisse sei, voll Rechnung trägt. 

Das Ziel dieser Junkers-Lehrlingsausbildung wurde stets nicht allein in der Gesellenprüfung, sondern in der Persönlichkeitsprüfung gesehen, also in der Heranziehung tüchtiger Menschen, die später berufen sein sollen, als Vorarbeiter, Meister, Kalkulator und Konstrukteur die anderen Mitarbeiter zu führen."