Januar 1923: Die Junkers-Südamerika-Expedition in der Karibik

Nr. 41 [Januar 2011]

Nach Beendigung der Reparaturarbeiten an der F 13 "Birkhahn" im Junkersstützpunkt Almendaresbucht bei Havanna erhielt der Expeditionsleiter Walter Jastram einen ungewöhnlichen Auftrag. Anlass war ein schreckliches Unglück: Das Flugboot "Columbus" der amerikanischen Aero-Marine A.-G. war am 14. Januar 1923 auf einem regelmäßigen Postflug von Key West nach Havanna ins Wasser gestürzt, dabei waren fünf Passagiere ertrunken: der amerikanische Multimillionär Edwin F. Atkins, seine beiden kleinen Söhne und deren Kindermädchen. Der Pilot und zwei weitere Passagiere konnten gerettet werden.

Die verzweifelten Angehörigen und Freunde der Familie Atkins boten den Junkerspiloten 100 Dollar pro Flugzeug und Stunde, um nach den Leichen zu suchen. Auch wenn sich die Junkerspiloten keinen Erfolg versprachen, einen so lukrativen Auftrag konnten sie nicht ablehnen. An zwei Tagen kreisten sie stundenlang über der Absturzstelle, aber mehr als nur einige treibende Holzteile konnte nicht gesichtet werden.

F 13 "Flamingo" in der Almendares-Bucht bei Havanna auf Cuba

Am 22. Januar 1923 sollte die Weiterreise nach Südamerika starten. Vor der Überquerung des Karibischen Meeres waren noch Zwischenstopps mit Rundflügen in Manzanillo, Santiago de Cuba, Port-au-Prince und Santo Domingo vorgesehen. Zur Vorbereitung dieser Rundflüge waren die beiden Junkersvertreter Hahn und Bitterich bereits am 20. Januar nach Manzanillo bzw. Santiago de Cuba abgereist. Sie sollten dort kapitalkräftige Interessenten ausfindig machen, denen mit Rundflügen die Beteiligung an der geplanten kubanischen Luftverkehrsgesellschaft schmackhaft gemacht werden sollte.

Bereits auf dieser ersten Etappe der Expedition sollte es sich herausstellen, dass die Junkers-Wasserflugzeuge den Anforderungen einer solch langen Reise unter ungewohnten klimatischen Bedingungen einfach noch nicht gewachsen waren. Von Etappe zu Etappe häuften sich die Schwierigkeiten, bis die Expedition zum Schluss in einer Katastrophe endete.

Aber davon ahnten die beiden Piloten Max Drewsky und Hermann Müller noch nichts, als sie in Begleitung ihrer Bordmechaniker Wilhelm Thill und Walter Jastram am 22. Januar mit den beiden F 13 "Flamingo" und "Birkhahn" in Havanna starteten. Sie waren voller Erwartung auf das Abenteuer, das vor ihnen lag. Expeditionsleiter Walter Jastram wollte Werner Junkers den Gefahren der bevorstehenden Ozeanüberquerung nicht aussetzen und hatte ihn als Bordmechaniker abgelöst. Werner Junkers sollte nach Abbau ihres Stützpunktes in der Almendaresbucht per Schiff nach Venezuela nachzureisen.

Hermann Müller und Werner Junkers

Nach wenigen Flugstunden gab es bereits die ersten Zwischenfälle. Als erstes leckt der Kühler des "Flamingo" und beide Flugzeuge mussten in Cienfuegos landen, um den Kühler abzudichten. Dadurch erreichten sie Manzanillo erst nach Einbrechen der Dunkelheit. Beim Anrollen an die Bojen im dortigen Hafen geriet Hermann Müller mit seiner F 13 "Birkhahn" auf ein unter Wasser liegendes Wrack und riss drei faustgroße Löcher in den rechten Schwimmer. Die Maschine drohte daraufhin wegzusacken, und nur mit Mühe und Not gelang es den Besatzungen der beiden Flugzeuge, die "Birkhahn" mittels eines kleinen morschen Schwimmkranes auf eine Lancha, eine Art flachgehender Schute, zu setzen.

F 13 "Birkhahn" wird in Manzanillo an Bord einer Lancha geholt

Auch die Kühler beider Flugzeuge mussten erneut gelötet werden, sie waren der Tropenhitze einfach nicht gewachsen.

Hermann Müller, Werner Junkers und Wilhelm Thill bei der Reparatur eines Schwimmers

In Santiago de Cuba wartete Junkersvertreter Bitterich inzwischen an der Anlegestelle auf die beiden Flugzeuge. Er hatte auftragsgemäß mehrere kapitalkräftige Interessenten aufgetrieben, auch der Erzbischof und die Presse waren zum Empfang und in Erwartung kurzer Rundflüge erschienen. Nach stundenlangem Warten mussten alle wieder abziehen, da weder die Flugzeuge noch eine Nachricht eintrafen.

Am 24. Januar 1923 hatten sich die Interessenten erneut am Strand von Santiago de Cuba eingefunden. Dieses Mal war das Warten nicht umsonst. Die beiden Wasserflugzeuge hatten, um den Weg abzukürzen, diesmal samt Schwimmern quer über das Gebirge geflogen und konnten deshalb rechtzeitig zu den erneut organisierten Rundflügen eintreffen.

Die beiden F 13 "Flamingo" und "Birkhahn" bei Rundflügen in Santiago de Cuba

Auch der kubanische Erzbischof Monseñor Guerra war wieder erschienen und nahm an den Rundflügen teil. Voller Begeisterung wollte er nach zweimaligem Flug als Passagier in der Kabine unbedingt noch einen dritten Flug auf dem Copilotensitz mitmachen. Als Dank lud er die Flugzeugbesatzungen zu einer Abschiedsfeier in sein Palais ein und überreichte jedem eine päpstliche Medaille mit seiner Widmung.

Erzbischof von Cuba Monsenor Guerra mit Begleitung vor einer F 13 in Santiago de Cuba

Nach zweitägigem Aufenthalt verließ die Expedition nachmittags 1 Uhr Santiago de Cuba und setzte den Flug in Richtung Haiti fort, der diesmal nach zwei Fehlstarts und anschließender Umverteilung der Ladung ohne weitere Zwischenfälle verlief. Junkersvertreter Eduard Hahn, der ein gebürtiger Venezolaner war (er hieß mit vollem Namen Hahn-Echenagucia), begleitete die Expedition weiter nach Südamerika, während sein Kollege Bitterich nach Havanna zurückkehrte.

Kurz vor Einbrechen der Dunkelheit trafen beide Flugzeuge im Hafen von Port-au-Prince ein. Sie wurden von der dortigen deutschen Kolonie stürmisch begrüßt; jeder wollte die Ehre haben, die Flugzeugbesatzung bei sich beherbergen zu können. Die Besatzungen der im Hafen liegenden amerikanischen Kriegsschiffe übernahmen bereitwillig die Bewachung der Wasserflugzeuge.

Die beiden F 13 "Flamingo" und "Birkhahn" in Port au Prince

Auch der Empfang in Santo Domingo war herzlich. Die dort stationierten amerikanischen Marine- und Fliegertruppen bestaunten die Flugzeuge und luden die Besatzungsmitglieder zu sich ein, waren jedoch sehr skeptisch, als sie hörten, dass die Expedition mit diesen Flugzeugen das Karibische Meer überqueren wollten und rieten davon ab, weil sie das Unternehmen für viel zu riskant hielten. Einziges Navigationsinstrument für die über 1000 km lange Strecke war zu dieser Zeit der Kompass; während des Fluges bestand die Gefahr, dass die Flugzeuge durch starken Seitenwind unkontrolliert abtriften und die Besatzung dadurch das Ziel verfehlen könnten.

Die F 13 "Flamingo" im Hafen von Santo Domingo

Als Flugzeit schätzten die Piloten sieben Stunden, die Besatzung lud jedoch sicherheitshalber Betriebsstoff für neun Stunden und außerdem Proviant für zwei Tage ein, falls doch eine Notlandung auf dem Meer notwendig sein sollte.

Zur Verabschiedung der Expedition hatte sich am Morgen des 1. Februar 1923 eine große Menschenmenge am Hafen von Santo Domingo eingefunden, die den beiden Flugzeuge nach ihrem Start um 10 Uhr lange nachwinkten.

Start der F 13 Flamingo in Santo Domingo

Wie es weitergeht, erfahren Sie im nächsten Kalenderblatt Nr. 42 im Februar 2011.

Angelika Hofmann