Februar 1923: Die Junkers-Südamerika-Expedition in Venezuela

Nr. 42 [Februar 2011]

Die von den amerikanischen Piloten in Santo Domingo als schwierig eingeschätzte erstmalige Überfliegung des Karibischen Meeres verlief ohne größere Probleme, auch die vorausberechnete Flugzeit wurde nur geringfügig überschritten. Nach der Landung in La Guaira entschloss sich Expeditionsleiter Walter Jastram daraufhin, seinen dringend benötigten Bordmechaniker Werner Junkers, der per Dampfer auf dem Weg nach Argentinien war, nach Venezuela zurückzubeordern. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich später herausstellen wird...

Über den Ozeanflug und den Empfang der Expedition in Venezuela liegt ein anschaulicher Bericht der Expeditionsleitung vor, der hier auszugsweise wiedergegeben werden soll:

Am 1. Februar 1923 gegen 10 Uhr starteten wir mit den beiden Junkers-Metall-Limousinen D 217 und D 218 unter großer Begeisterung der Bevölkerung im Hafen von Santo Domingo zu unserem Fluge nach Venezuela, der uns quer über das Karibische Meer, das heißt über eine Entfernung von ungefähr 100 km über See führte. Wir hatten für rund 9 Stunden Betriebsstoffe in den Maschinen und hofften, bei günstigem Wind den Flug in ca. 7 Stunden beenden zu können. Bei dem Start hatten wir einen zwar schwachen, aber immerhin erfreulichen Rückenwind, der ungefähr eine Stunde anhielt, um dann zu drehen und schräg von vorne mit vermehrte Stärke zu wehen.

Wir setzten unseren Kurs auf La Guaira unter Rücksicht auf die Abtrift, durch den Wind 2 Grad östlicher, bekamen jedoch als erstes Land die Insel Curacao in Sicht, so daß unsere Abtrift doppelt so groß gewesen war, als wir geschätzt hatten. Wir waren nun genötigt, bis La Guaira an der venezuelanischen Küste entlang direkt gegen den Wind zu fliegen und landeten um 6 Uhr kurz vor Anbruch der Dunkelheit nach achtstündigem Fluge glücklich im Hafen von La Guaira.

F 13 im Hafen von La Guaira

Wir hatten den Flug in einer Durchschnittshöhe von 1000 m zurückgelegt und gingen nur einmal bis auf 300 m herunter, um einen Dampfer, den wir mit Westkurs auf hoher See trafen, näher zu betrachten und ihm Grüße zuzuwinken. Das Erstaunen der Schiffsbesatzung dürfte ziemlich groß gewesen sein, in diesen Gewässern plötzlich zwei Flugzeugen zu begegnen. Dieser Dampfer war jedenfalls das einzige Fahrzeug, welches wir unterwegs antrafen, abgesehen von einigen kleinen Fischerbooten an der venezolanischen Küste.

Für unseren Flug hatten wir für zwei Tage Proviant, bestehend aus Butterbroten, Früchten, Schokolade und Mineralwasser mitgenommen, da wir mit einer Motorpanne rechnen mußten, aber die braven BMW's hielten tadellos durch. Trotz des diesigen Wetters und des starken Windes, verbunden mit zeitweiligen Regenbögen war der Flug für uns außerordentlich interessant und nach seiner tadellosen Durchführung eine große Genugtuung.

Unsere Ankunft in La Guaira erweckte großes Erstaunen, das sich in Begeisterung umwandelte, als es den Venezolanern klar wurde, daß es sich um deutsche Flugzeuge und deutsche Flieger handele. Nachdem wir unsere Flugzeuge an Bojen festgemacht und die für einlaufende Schiffe vorgeschriebene Formalitäten hinter uns hatten, bei deren Erledigung die Behörden sich übrigens außerordentlich entgegenkommend und liebenswürdig zeigten, konnten wir an Land gehen, wo wir von einer rasch zusammengeströmten Menge mit Jubel empfangen wurden.

Die Spitzen der Behörden von La Guaira belegten uns sofort mit Beschlag, und wir mußten bei vielen Cocktails Rede und Antwort stehen. Schließlich wurden wir ins Hotel geleitet, aber auch dort suchten uns noch Reporter auf, um noch schnell alles Wissenswerte für ihre Morgenausgaben zu erfahren, und so fanden wir am nächsten Tage an den führenden Blättern der Hauptstadt ausführliche Artikel über unseren Flug. ..."


Auch die heimatliche Presse nahm Notiz von diesem Ereignis. So schrieb die Deutsche Allgemeine Zeitung am 7. Febr. 1923:

"Nach einer Kabelmeldung aus New York haben vor einigen Tagen zwei Junkers-Wasser-Verkehrsflugzeuge, die schon seit einiger Zeit auf Kuba stationiert sind, von San Domingo einen ununterbrochenen Flug über das Karaibische Meer nach La Guayra, dem Hafen von Caracas (der Hauptstadt Venezuelas), durchgeführt. Sie haben die 500 Seemeilen (gleich 900 Kilometer) weite Strecke über den Ozean in 8 Stunden zurückgelegt. Für den Verkehr des südamerikanischen Festlandes mit der im Welthandel bedeutsamen Inselgruppe der Großen Antillen, worauf an dieser Stelle (vgl. "Weltverkehr": Barranquilla - Bogota vom 15. Oktober 1922) schon nachdrücklichst hingewiesen wurde, wird dieser Ozeanflug ganz besondere Beachtung finden müssen."

Als die Piloten am Morgen nach ihrer Ankunft in La Guaira den Hafen aufsuchten, bot sich ihnen ein erschreckendes Bild. Über Nacht war hoher Wellengang bis weit in den ungeschützten Hafen vorgedrungen und hatte die Flugzeuge mehrfach an die Bojen geschleudert. Dabei hatten sie sich Beulen an Tragflächen und Schwimmer zugezogen, sodass in den nächsten Tagen wieder Reparaturen fällig waren.

F 13 D-217 in der Eisenbahnwerkstätte von La Guaira (Venezuela)

Als weitere Schwierigkeit erwies sich die Beschaffung eines geeigneten Brennstoffes für den Weiterflug. In Venezuela war nur minderwertiges Gasolin erhältlich, das zu starker Erwärmung der BMW-Motoren führte und in der Folgezeit ständig Reparaturen verursachte.

"Seitdem wir mit Gasolin fliegen, haben sich die Kerzenstörungen wieder in der unangenehmsten Weise bemerkbar gemacht, dadurch gab es sehr viele Fehlstarts, die die Maschinen ungeheuer beanspruchen, denn das ruhige Wasser in den Häfen zwingt uns, jeweils die unruhige See aufzusuchen, da die Maschinen aus glattem Wasser überhaupt nicht herauszubringen sind", beklagte sich Jastram in einem Brief nach Dessau.

Für die Reparaturarbeiten standen außer dem Mechaniker Thill nur die beiden Piloten Drewsky und Müller zur Verfügung, der zweite Mechaniker Werner Junkers war weisungsgemäß mit dem Dampfer nach Rio de Janeiro unterwegs. Expeditionsleiter Jastram musste den Junkersvertreter Hahn bei seinen Behördengängen und Empfängen bei der Regierung begleiten, um fachgerechte Auskünfte über die Junkers-Flugzeuge und deren Verwendbarkeit im Verkehr und beim Militär zu geben und fiel damit als Techniker aus. Er entschloss sich deshalb, seinen gut ausgebildeten Bordmechaniker Werner Junkers per Telegramm zurück nach La Guaira zu beordern. Nach der gelungenen Ozeanüberfliegung erschien ihm der Weiterflug entlang der Küste Südamerikas relativ gefahrlos. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung: Wie es sich später noch herausstellen sollte, hatte Jastram die hohen Anforderungen, die eine solche Erstbefliegung von teils unbewohnten Küstengegenden unter ungewohnten tropischen Bedingungen an Flugzeug und Besatzung stellte, völlig unterschätzt.

Am 13. Februar 1923 traf Werner Junkers, nachdem er unterwegs den Dampfer gewechselt hatte, in La Guaira ein. Am 17. Februar startete die F 13 "Birkhahn" zum Vorführungsflug an den Valenciasee, wo sich die venezolanische Wasserflugstation befand. Die F 13 "Flamingo" folgte drei Tage später. Beide Flugzeuge wurden dem Präsidenten von Venezuela vorgeführt..

Der Kommandierende General der venezolanischen Luftstreitkräfte nach seinem Fluge mit der F 13 D-218

Dieser zeigte sich sehr beeindruckt, verlangte jedoch noch einen Probeflug mit zwei Offizieren in die 600 km entfernte Stadt Maracaibo, bevor er eine Bestellung aufgeben wollte. Beim Start der F 13 "Flamingo" stellte sich heraus, dass der Motor erneut beschädigt war, sodass der Flug um eine Woche verschoben werden musste.

Die Vorführung der F 13 "Birkhahn" auf dem Valenciasee verlief ebenfalls nicht reibungslos, auch hier gab es Probleme mit dem Motor. Bei der anschließenden Untersuchung stellte sich heraus, "dass drei Kolbenbolzenbuchsen gesprungen und die Grundlager teilweise stark ausgemahlen waren", wie Jastram später berichtete.

Motorüberholung auf der Seeflugstation am Valenciasee

Am 28. Februar war die F 13 "Flamingo" nach einer Grundüberholung des Motors endlich startbereit und absolvierte die Strecke bis Maracaibo und zurück zur Zufriedenheit der Offiziere ohne weitere Störungen.

F 13 in Maracaibo

Wie es weitergeht, erfahren Sie im nächsten Kalenderblatt Nr. 43 im März 2011.

Angelika Hofmann