Die Alpenstürmer - Erstmaliger Überflug von Großglockner und Großvenediger mit einer Junkers F 13 am 1. November 1922

Nr. 9 [November 2008]

Am 3. November 1922 erschien in der "Münchner Zeitung" ein sehr anschaulicher Bericht über den Alpenflug zweier Junkers F 13. Die Bayerische Luftlloyd - an welcher die Junkerswerke zu 50% beteiligt waren - organisierte die spektakuläre Unternehmung zu Werbezwecken. Die Meisterleistung von Mensch und Maschine wurde in einem Film festgehalten und zeigt die erstmalige Überfliegung des fast 3.800 Meter hohen Großglockner-Gipfels, sowie seines knapp 140 Meter kleineren Bruders, des Großvenedigers, mit einem Ganzmetall-Verkehrsflugzeug.

Über Großglockner und Großvenediger im vollbesetzten Verkehrsflugzeug

Am Allerheiligen unternahmen es zwei Junkers Metall-Limousinen, vom Flughafen Schleißheim trotz der ungewissen, wolkigen und über den Alpen bisweilen arg stürmischen Wetterlage, zu einem neuen Rekordflug zu starten. Es hatte sich am Abend zuvor eine Gesellschaft zusammengefunden, die sich entschloß, mit Ausnützung aller Belastungsmöglichkeiten für sechs und sieben Personen zum ersten Male und noch dazu im November den Großglockner und Großvenediger zu überfliegen.

Gegen 1 Uhr mittags erfolgte der Start auf Oberwiesenfeld. Unter den Insassen der ersten Maschine, die der Münchner Pilot Bauer steuerte, befanden sich zwei mutige Holländerinnen, die Baronin von Dedem zu Driesberg mit Tochter, Kunstmaler Peter Martin Lampel (München) und der österreich. Fliegeroberleutnant Artur von Schwertführer von der Kinotechnischen Abteilung der Deutschen Filmschule, der wertvolle Aufnahmen kurbelte. Mit der zweiten Maschine startete der bekannte Pilot Kneer des Bayerischen Luft-Lloyds, der Kriegsberichterstatter Rolf Brand, Willi Ruge mit seinem schweren Filmapparat, Dr. Wolter, der Direktor der Kinotechnischen Filmschule in München, und als Leiter des Unternehmens Ingenieur Walter Rockenfeller von Junkers Luftverkehr.

Trotz geschlossener Wolkendecke - nur Reichenhall lugte aus einem Spalt des Gewölkes - stießen die Flugzeuge, nachdem sie München überkreist hatten, bis zu den Hochalpen vor. Es gab entzückende Wolkenlandschaften zu kurbeln, die sich um die Berggipfel hängten, und zu Freude aller bot sich im Hochgebirg selbst bald eine fast klare, unbeschreiblich schöne Alpenlandschaft. Kahl und grau zerklüftet türmten sich die Gebirgsmassen aus der eisigen Gletscherwelt zu den Fliegern empor und sanken in jähem Absturz in die Tiefe, dort schlängelten die Bäche zwischen grünen Tälern und rotbraunen Wäldern.

Großglocknerflug der F13

Die Flüge waren nicht ohne Gefahr. Deshalb begnügte sich das erste Flugzeug, mit Damen an Bord, die wie alle Teilnehmer im Straßenkostüm mit jenem unbegrenzten Zutrauen in die Flugmaschine gestiegen waren, wie es ja die zahlreichen Passagierflüge der Junkers Limousinen im Publikum zu wecken wußten, das Gebiet des Großglockner zu erreichen und zum Inntal abzubiegen, über das Kaisergebirge zur Gegend des Watzmann zurück. Prachtvoll lagen die Alpen unter ihnen, zerrissene Grate und flache Kuppen, grau, rotbraun, weiß, vereiste Gletscher, und auf den niederen, noch bewaldeten Gipfeln noch dünnversponnenes Gezweig, aus dem der Rauhreif in der Sonne funkelte. Die brechende Kälte in etwa 4000 Meter Höhe empfanden die Damen nicht, weil sie die geschlossene, elegante Kabine davor schützte, und die heftigen Windstöße von den Klippen herauf parierte der Pilot geübt. Vom Wendelstein her winkten Skiläufer dem Flugzeug zu, über Traunstein bleib die Wolkendecke zurück, der Chiemsee leuchtete tiefblau und das Land bunt und klar mit den weißen Kirchen und winzigen Häuschen, nur einige verirrte Wolkenfetzen darüber, gebadet in Sonnenlicht. Die Landung erfolgte ohne Zwischenfall gegen 4 Uhr nachmittag auf Oberwiesenfeld.

Die zweite Maschine stieß von unten her durch eine leichte Wolkenschicht zum Gipfel des Großglockners empor, hieb wenige Meter vom Kreuz vorüber durch die Luft und wurde von heftigen Böen gerissen. Triumphierend zog sie dann hoch über dem Berg vier große Schleifen bis zum Venedigermassiv und an die Dolomiten heran, um deren Zinnen sich schon wieder dicke Wolken ballten. Hernach drosselte der Pilot und pfeilgeschwind schoß der wackere Eindecker heimwärts und kämmte beinahe die Schrofen der Alpgipfel. In seiner Kabine wurde dies alles gedreht und im Film festgehalten, diese Aufnahmen sind für einen in Vorbereitung befindlichen Film der Junkers Flugzeugwerke bestimmt.

Zwei F 13 über den Alpen

Eine halbe Stunde nach Eintreffen der ersten Maschine glitt auch Kneer zur Landung, begrüßt von einer großen Zuschauerzahl, bei der sich der soeben erlangte Rekord bereits herumgesprochen hatte, und die zum Teil bereits auf neuen Start für Rundflüge über München gewartet hatte. Eine Rekordleistung war es tatsächlich, die die ganze deutsche Flugzeugindustrie bewiesen hatte. Diese erstmalige Überfliegung des Großglockners und Großvenedigers erfolgte ohne sonderliche Vorbereitungen auf Maschinen, die alltäglich und seit Jahren bereits ihren Verkehrsdienst brav erfüllt hatten; es waren Flüge über ein noch unerprobtes Gelände unternommen mit vollkommenster Ausnützung aller Belastungsmöglichkeiten, in den knappen günstigen Stunden einer ungewissen Novemberwitterung. Diese Rekordleistung der deutschen Metalleindecker ist insofern noch besonders bemerkenswert, weil die Motore den vom Feindbund auferlegten Bestimmungen auf geringe Pferdestärken genau entsprochen haben.

Lampel

Angelika Hofmann

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Weiterführende Informationen:

Junkers F 13
Junkers F 13 Special

Quelle:

Münchner Zeitung vom 3. November 1922