Der letzte (österreichische) Kaiser - Flugbericht zum zweiten Restaurationsversuch, Oktober 1921

Nr. 8 [Oktober 2008]

Karl I., Kaiser von Österreich, sowie König von Ungarn und Böhmen galt in seiner sehr kurzen Amtszeit von 1916 bis 1918 als Reformer und durchaus moderner Monarch. Er folgte im Anspruch auf die Krone dem im Juni 1914 in Sarajevo erschossenen ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand - dem Attentat, welches offiziell den Ersten Weltkrieg auslöste. Nach kurzer Regierungszeit musste er die Geschicke des Reiches zunächst in andere Hände legen.

Es schien aus Habsburger Sicht sicher legitim, die Wiedererrichtung der Monarchie anzustreben. Im ersten Versuch entzog sich Karl der auferlegten österreichischen Verbannung sowie den damit verbundenen Meldepflichten und reiste im April 1921 von der Schweiz unerkannt nach Budapest. Dort verlangte er die Restauration seiner Ansprüche auf den Thron. Dies schien ihm leicht zu gelingen, da bereits 1920 ein Habsburggetreuer offiziell wieder die Regierungsgeschäfte übernommen hatte. Man konnte ihn jedoch binnen einer Woche von der Aussichtslosigkeit seines Bemühens mit dem Argument überzeugen, das die innen- und außenpolitische Situation dies nicht zulassen würde.

Kaiser Karl I. von Österreich

Die streng christlich erzogene Exkaiserin Zita drängte ihren Angetrauten jedoch bereits ein halbes Jahr später zu einem zweiten Versuch. Sie glaubte an die Gotttesherkunft ihrer Titel und den damit verbundenen Machtanspruch.

Zita von Bourbon-Parma

Da die Auflagen des damaligen Deutschösterreichs weiterhin gültig waren, musste das Kaiserpaar eine erneute Reise inkognito anstreben. Mit Hilfe verschiedener monarchiegetreuer Anhänger gelang den Majestäten die Fahrt zum Dübendorfer Flugplatz. Dort stiegen sie in eine Junkers F13, um den Flug nach Ungarn anzutreten. Der diensthabende Pilot Wilhelm Zimmermann berichtete über diesen historischen Tag wie folgt:

Bericht über den Flug Dübendorf (Schweiz) - Cziraki (Ungarn) mit dem ungarischen Königspaar am 20.10.1921.

Im Frühjahr 1921 wurden von der Junkers-Flugzeugwerk A.-G. Dessau zwei Flugzeuge vom Verkehrstyp J.13 nach der Schweiz gebracht, um dort praktisch vorgeführt zu werden. Nach einer Abnahmeprüfung durch das Eidgenössische Luftamt wurden die Flugzeuge bald an die Schweizerische Luftverkehrs A.G. "Ad Astra", Zürich, vermietet. Sie erwarben sich dort in kurzer Zeit durch die zahlreich durchgeführten Passagierflüge beim Publikum das Vertrauen der Sicherheit und Zuverlässigkeit und gewannen in weitesten Kreisen an Interesse.

So ist es nicht zu verwundern, daß man gerade auf diesen Flugzeugtyp verfiel, als es sich darum handelte, die bekannte "Flucht" des ungarischen Königspaares von der Schweiz nach Ungarn auf dem Luftwege zu bewerkstelligen. Im Laufe des gleichen Jahres hatten sich in Ungarn Verhältnisse herausgebildet, welche die Rückkehr des Königs Karl nach Ungarn und die persönliche Ausübung seiner damals noch verfassungsmäßigen Regierungsgewalt im eigenen Lande wünschenswert erscheinen ließen.

Zwei sachverständige Beauftragte des Königs überzeugten sich durch einen Probeflug am 17.10.21 nochmals von der Eignung und den Leistungen des Flugzeuges und teilten mir, da ich mit der Führung der beiden Junkers-Flugzeuge in der Schweiz betraut war und auch diesen Probeflug ausgeführt hatte, ihren Auftrag und ihr Vorhaben mit.
Da nach Klarstellung der Sachlage und Verbürgung für alle entstehenden Folgen durch die Person des Königs Karl für die in Mitleidenschaft gezogenen Firmen eher ein Vorteil als ein Nachteil zu erwarten war (das in Frage kommende Flugzeug war durch Kauf in den Besitz der Schweizer Gesellschaft übergegangen, die Zahlung indes noch nicht erfolgt), entschloß ich mich nach längerer Überlegung, den Flug ohne Vorwissen meiner Firma auszuführen, und sagte meine Mithilfe zu.
Für die Durchführung des Fluges war der kommende Donnerstag, der 20. Oktober, in Aussicht genommen. Bei ungünstiger Witterung hätte der Flug nur um einen, höchstens zwei Tage verschoben werden können mit Rücksicht auf die in Ungarn getroffenen Vorbereitungen.

Am Mittwoch Abend wurde auf dem Züricher Büro der "Ad Astra" ein Überlandflug von Dübendorf nach Genf und zurück für fünf Passagiere bestellt. Das Flugzeug wurde Donnerstag früh dazu hergerichtet. Durch eine Unregelmäßigkeit in der letzten Benzollieferung war zufälligerweise für diesen längeren Flug nur ein Brennstoffvorrat am Platze, der sich von dem bis dahin verwandten im spez. Gewicht und in seiner Zusammensetzung erheblich unterschied und trotz mehrmaliger Düsenregulierung Störungen beim Probelauf und nachher während des Fluges verursachte.

F 13 CH-59 mit Flügeln der CH-66 auf dem Gelände des Verkehrsmuseums Budapest

Gegen Mittag lichtete sich der Bodennebel und das Wetter klarte auf. Der Abflug drängte bereits. Das Königspaar, das sich seit etwa elf Uhr in Dübendorf in einer Gastwirtschaft aufgehalten hatte, kam im Kraftwagen auf dem Startplatz an, ohne von den militärischen Wachen des Flugplatzes irgendwie erkannt worden zu sein. Es erfolgte noch ein kurzer Probelauf und die Passagiere nahmen ihre Plätze ein, König Karl und Königin Zita auf dem Kabinensofa, drei weitere Personen auf den anderen Plätzen. Hierunter befanden sich auch die beiden Herren, die am 17.10. an dem Probeflug teilgenommen hatten. Um 12 Uhr 15 Minuten startete das Flugzeug.
Nach einer Proberunde wurde zunächst die Richtung zu den Kurfir am Walensee aufgenommen. An der Südspitze des Zürichsees wurde östliche Richtung eingeschlagen am Säntis vorbei zum Bodensee. Bei Rorschach überflog Flugzeug CH 59, so lautete die schweizerische Registernummer des Flugzeuges, die Schweizer Grenze.

Trotz der außergewöhnlichen hohen Zuladung von 800 kg, mit welcher der Start in Dübendorf glatt erfolgt war, hatte das Flugzeug bisher schon eine Höhe von 3000 m erreicht bei einer durchschnittlichen Fluggeschwindigkeit von 160 km/Std. Im weiteren Verlauf des Fluges wurde eine Stundengeschwindigkeit von 180 km eingehalten, abgesehen von kleinen Unterbrechungen, während deren vorübergehendes Aussetzen des Motors Drosseln und mithin Gleitflüge nötig machte.
Die oftmaligen Motorpannen, die auf die Verwendung des anders gearteten Brennstoffes zurückzuführen waren, schienen mehrmals die Durchführung des Fluges in Frage zu stellen. Durch Drosseln und ruckweises Gasgeben sowie durch häufige Brennstoffilter-Entleerung konnten die Störungen während des Fluges beseitigt werden.
Trotz dieser wiederholten Unterbrechungen wurden am Ende der dritten Flugstunde noch über 3500 m Höhe erreicht bei der hohen Geschwindigkeit von 180 km/Std. Der Rest des Weges wurde mit einer Stundengeschwindigkeit von 200 km im gestreckten Gleitflug zurückgelegt.

Vom Bodensee aus hatte der Flug nahe der Tiroler und Bayerischen Landesgrenze ostwärts geführt. Dicht zur Rechten schlossen die langgestreckten Ketten der Allgäuer und Nordtiroler Kalkalpen den Horizont ab, zur Linken reichte der Blick weit ins bayerische Oberland. In der Höhe von Salzburg am Dachsteingebirge wurde Kurs auf Linz genommen. Als die Donau in Sicht kam, ging's wieder ostwärts weiter an Steyr vorbei über St. Pölten zum Wienerwald. Baden zwischen Wien und Wiener Neustadt wurde überflogen, das Leitha-Gebirge blieb bald zurück und die ungarische Ebene war erreicht. Nach genau 4 Stunden Flugzeit, in der eine Strecke von rund 650 km zurückgelegt worden war, wurde 4 Uhr 15 Min. nachm. mit der untergehenden Sonne zunächst etwa 30 km südlich des Neufiedlersees auf freiem Feld gelandet. Da man sich noch nicht am ausgemachten Landeplatz befand, wurde sofort wieder gestartet und einige Kilometer weiter südlich in der Nähe des Dorfes Cziraki zum zweiten Male gelandet. Die Passagiere stiegen aus und wurden von den dort ansässigen Grafen Cziraki am Landeplatz begrüßt.

Trotz der Wichtigkeit der in allerkürzester Frist zu erwartenden Ereignisse und Entscheidungen galt nach der Landung ein Hauptinteresse noch dem Flugzeug. Alle, sonders Königin Zita und König Karl, sprachen sich voll Bewunderung über die Leistungen dieses modernen Flugzeuges und die kaum für möglich gehaltene Durchführung des Fluges aus.
Das Königspaar begab sich bald darauf in ein benachbartes Schloß, wo es die Nacht über verblieb, um an nächsten Morgen zu den königstreuen Truppen im damaligen Abstimmungsgebiet Westungarn zu gelangen. Die übrigen Insassen des Flugzeuges übernachteten im Schlosse in Cziraki.

Um kein unnötiges Aufsehen zu erregen, durfte ich den von mir beabsichtigten Rückflug nicht eher ausführen, als die vorläufig noch geheim gehaltene Ankunft des Königs in Ungarn bekannt wäre. Ich reiste darauf am nächsten Tage sofort nach Budapest, um mir die nötigen Papiere für die Rückkehr auf dem Landwege nach Deutschland zu verschaffen und so beide Möglichkeiten, die Rückkehr mit dem Flugzeug nach der Schweiz oder die Rückkehr auf dem Landwege nach Deutschland, zu haben. Inzwischen hatten sich die Verhältnisse bald zu Ungunsten des Königs gestaltet. Der erwartete Anschluß der Masse der städtischen Bevölkerung erfolgte nicht. Die Gegenpartei des Königs gewann die Oberhand.

Durch die unerwartete Veränderung der Lage, die Unruhe im Lande und das Stocken der Verkehrsmittel war es mir nicht mehr möglich, den über 150 km von Budapest entfernt liegenden Landeplatz Cziraki früh genug zu erreichen, um den Rückflug zu unternehmen. Außerdem hätte auch der nötige Brennstoff nicht mehr zeitig genug beschafft werden können. Nach zehntägigen Aufenthalt in Ungarn gelang es mit selbst nur unter größten Schwierigkeiten, über die Tschecho-Slovakei nach Deutschland zu kommen.

Das Flugzeug sollte nach meiner Abreise von Cziraki vorläufig in einer Scheune beim dortigen Schlosse eingestellt werden. Zeitungsnachrichten zufolge soll es nunmehr beschlagnahmt worden, nach Budapest geschafft und dort ausgestellt sein.

Dessau, den 1. Februar 1922.

Zi./Th.

gez. Zimmermann

 

Das Scheitern dieses zweiten Wiedereinsetzungsversuches besiegelte endgültig den Untergang der fast 900 Jahre währenden Dynastie. Mit Karls Frau Zita verstarb jedoch erst am 14. März 1989 das letzte wirklich machtvolle und einflussreiche Mitglied des Königshauses. Sie war es im Übrigen auch, die Kaiser Karl dazu bewogen haben soll, lediglich die Regierungsgeschäfte an die ausgerufene österreichische Republik am 11. November 1918 abzugeben. Die offizielle Absetzung der Monarchie wurde weder von Karl noch von Zita anerkannt, genauso wenig wie die ungarische Entmachtung zwei Tage später.

Flugzeug CH-59 der Ad Astra im Verkehrsmuseum Budapest

Berichten eines Juweliers zufolge soll der Finanzierung dieses letzten Habsburger Aufbäumens einer der größten gelben Diamanten, der 134,5 Karat großen Florentiner aus den österreichischen Kronjuwelen, zum Opfer gefallen sein. Die so zwanghaft erhandelten Millionen - der Juwelier soll weniger gebeten denn genötigt worden sein - könnten unter anderem die Truppenaushebungen für die ungarische Revolte ermöglicht haben. Der Stein ist und bleibt seit dem verschwunden. Dafür kann der geneigte Interessent im Budapester Verkehrsmuseum die damals eingesetzte F 13 bestaunen, welche direkt nach dem Restaurationsversuch beschlagnahmt und dorthin überführt wurde.

Jan Christiansen

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Weiterführende Informationen:

Junkers F 13
Junkers F 13 Special

Quellen:

  1. Zimmermann, Wilhelm: Bericht über den Flug Dübendorf (Schweiz) - Cziraki (Ungarn) mit dem ungarischen Königspaar am 20.10.1921
  2. Metz Verlag: Bilder im Spiegel der Zeit: Zeitgeschehen in Europa und in der Welt seit 1900. Bd. 4: 1917-1923. - Zürich:1972
  3. Der Neue Weg: Das Flugzeug Karls IV. (Bericht zum Budapester Verkehrsmuseum vom 04.09.1984)
  4. Erich Feigl: Kaiser Karl: Persönliche Aufzeichnungen, Zeugnisse und Dokumente - Wien 1984. Zita: Kaiserin und Königin, 5. Auflage - Wien, 1991

Internet:

Die Junkers F 13 von Angelika Hofmann
Wikipedia: Stammliste der HabsburgerWikipedia: Zita von Bourbon-Parma
Wikipedia: Karl I. (Österreich-Ungarn)Habsburgerherzen von Theophil Zurbuchen auf nzzfolio.ch