Das Bauhaus plant für Junkers eine „Großsiedlung“ in Dessau

Die dynamische Entwicklung der Dessauer Junkerswerke zum größten Industrieunternehmen Anhalts und ihre Nähe zum Industriestandort Bitterfeld/Wolfen brachte einen enormen Bedarf an Wohnungen für Arbeiterfamilien und Angestellte in den 1920er Jahren. Zu dessen Lösung erwies sich die bereits in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts agierende Siedlerbewegung in Dessau als sehr förderlich. Die dabei entstandenen Siedlergesellschaften, Werkssiedlungsgemeinschaften und städtische Einrichtungen betrieben ein reges Baugeschehen unter dem Aspekt eines kostengünstigen Bauens und Erwerbens unter Beachtung der Verbesserung der Infrastruktur. Die Stadt stellte Bauland zur Verfügung, so dass in sich geschlossene Siedlungen mit eigenen Versorgungszentren entstanden, die sich trotz Inflation und Wirtschaftskrise zu Beginn der 1920er Jahre erfolgreich behaupteten. So entstanden in Dessau u.a. die Gartenstadt Askania, die Siedlung Hohe Lache, die Knarrberg-Siedlung, die Neue Siedlung in Klein-Kühnau, die beiden AGFA-Siedlungen, die Reichsbahn-Siedlung und die Bauhaus-Siedlung.

Bauhaus Plan von Dessau mit Projekt Junkers-Siedlung von Joost Schmidt, 1932
Abb. 1: Bauhaus-Stadtplan Dessau von Joost Schmidt mit Projekt Junkers-Siedlung, 1932

Ein Gradmesser dieser städtebaulichen Entwicklung ist das sprunghafte Ansteigen der Einwohnerzahl. In einem beinahe amerikanischen Tempo wuchs die Stadt und das Einwohnermeldeamt registrierte:

Jahr        Bevölkerungszahl

1919        57.674
1921        60.360
1923        61.505
1925        71.123
1927        75.442.

1930 besaß Dessau 78.736  Einwohner.

Für Hugo Junkers stand die Aufgabe, seine Unternehmen beträchtlich zu erweitern, zu bauen und  für seine Mitarbeiter Wohnraum zu schaffen. Für den Industriebau hatte Junkers sein eigenes Baubüro und für den Wohnungsbau beteiligte er sich wie andere Dessauer Firmen auch an der Mitfinanzierung kommunaler Siedlungen. Bis zur Etablierung des Bauhauses in Dessau  war dies ein erfolgreicher Weg, die Wohnungsnot der Nachkriegszeit zu beseitigen. Nun gab es aber durch das Bauhaus Dessau, der Hochschule für Gestaltung, gute Ansatzpunkte für städtebauliche Projekte, die durch Einsatz neuer Materialien und Bauweisen ein kostengünstigeres  und soziales Bauen ermöglichten.

Daher stand  Hugo Junkers auch der Bauauffassung des dritten Bauhaus-Direktors, Ludwig Mies van der Rohe aufgeschlossen gegenüber, insbesondere durch die Erfahrungen der Junkerswerke bei der Mitwirkung an der Werkbundausstellung 1927 in Stuttgart. Interessant ist, dass es zwischen Prof. Hugo Junkers und Mies van der Rohe eine besondere Verbundenheit gab, denn beide kannten die Stadt Aachen und die subtile Mentalität ihrer Bürgerschaft. So bot sich reichlich Gesprächsstoff, da Mies ein gebürtiger Aachener war und Hugo Junkers die Stadt durch Studium, Praktikum und seine Professur her bestens kannte.

Foto Ludwig Mies van der Rohe, 1931
Abb. 2: Ludwig Mies van der Rohe, 1931

In einer zerrissenen Zeit, in der sich konservative Teile des Bürgertums vom Bauhaus distanzierten, ja sogar feindlich gegenüberstanden vergab Prof. Junkers das Projekt einer  Großsiedlung  für 20.000 Einwohner an das Bauhaus. Das beinhaltete auch eine Analyse über die Standorterweiterungen der Junkerswerke in Dessau. Arbeiten, die 1931/32 unter der Leitung des Bauhausdirektors Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) und dem Stadtplaner Ludwig Hilberseimer (1885-1967) durchgeführt wurden. Für die farbliche Gestaltung der Häuser und Innenräume der öffentlichen Gebäude war der Bauhausmeister für Wandmalerei Hinnerk Scheper (1897-1957) verantwortlich. Projekte, die von Prof. Hugo Junkers gefördert wurden und im Architekturseminar Mies van der Rohes im Rahmen des „Seminars für Städtebau“ entstanden.

 

Mies van der Rohe mit Studenten beim Seminar
Abb. 3: Ludwig Mies van der Rohe mit Studenten seines Architektur-Seminars, Dessau 1931

Stahl und Glas waren Materialien, die bei Ludwig Mies van der Rohe eine große Rolle in seinen Projekten und in seinem Architekturunterricht  spielten. Als dritter Bauhausdirektor im Zeitraum 1930-1933 suchte er nun dem Bauhaus seinen unverkennbaren Stempel aufzudrücken. Verständlich, dass dem Stahlhochbau und der Städteplanung eine besondere Rolle zufiel.

Ludwig Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer entwickelten am Bauhaus, den Gedanken der Moderne folgend, städteplanerische Varianten einer neuen Siedlungsform, der sogenannten Mischbebauung. Eine Form der Durchdringung von städtischer mit landschaftsbezogener Struktur, wobei die Wohnbauten, gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen in einer Hoch-, Mittel- und Flachbauweise ausgeführt wurden. Dazu gehört auch das Großprojekt der Junkerssiedlung. Im heutigen Sinne handelte es sich um eine Trabantenstadt, bestehend aus vier zusammengesetzten Wohnsiedlungen mit je 5.000 Bewohnern, zwischen den Kienfichten und dem Kühnauer Park gelegen und die die Stadtteile Ziebigk, Groß- und Kleinkühnau miteinander verbinden sollte.

 

Bauhaus Dessau Junkers Siedlung
Abb. 4: Bauhaus-Projekt Junkers-Siedlung, Entwurf Reihenhäuser von Eduard Ludwig, 1932

Obwohl diese Großsiedlung nicht zur Bauausführung kam, setzten die Planungsunterlagen neue soziologische Akzente. Es entstand eine ausführliche Studie, die für die Wirtschaftlichkeit im Siedlungs- und Wohnungsbau neue Möglichkeiten aufzeigte, da sie neben Wohnkomfort auch unterschiedliche soziale Aspekte, die familiäre Altersstruktur u.ä. berücksichtigte. Neben Wohnhäuser für Familien und ältere Menschen, Apartment-Hochhäuser für Singles, einer Kinderstadt mit Ganztageskindergärten, Internaten und Schulen, waren auch für jede Siedlung Kultur-, Sport-, Versorgungs- und medizinische Einrichtungen vorgesehen. Im Zentrum der Großsiedlung waren inmitten von Grünanlagen ein Theater, ein Filmpalast sowie eine Sportarena mit Stadion, Schwimmhalle und Festwiese geplant. Verkehrsberuhigt in einem Kiefernwäldchen war ein Krankenhauskomplex konzipiert. Der Kühnauer Park und die so genannte Kienheide sollten als historisch geschützter Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches in das Kulturzentrum der Junkers-Großsiedlung einbezogen werden. Bei einer geplanten Siedlungsdichte von 100 Personen pro Hektar und unter Berücksichtigung der im Projekt einbezogenen Landschaft wäre so eine verkehrsberuhigte Parkstadt mit idealer Wohnlage entstanden, die zugleich den Bewohnern optimale Wohn- und Lebensbedingungen boten.

Bauhaus Schul-Entwurf
Abb. 5: Bauhaus-Projekt Junkers-Siedlung, Schul-Entwurf, 1932

Der Architekt Sergius Ruegenberg, der zu dieser Zeit im Berliner Mies-Atelier tätig war, berichtete mir (dem Autor) 1991/92 über seine „Dessau-Abstecher“ zum Bauhaus. Hier traf er auch Lilly Reich, die seit 1927, dem Jahr der Weißenhof-Ausstellung in Stuttgart, Mies van der Rohes ständige Innenarchitektin war. „Für Mies war es die erste Architekturklasse, die er leitete. Er verstand es gut begabte Architekturstudenten um sich zu scharen, die er mit seinen Ideen zu Höchstleistungen inspirierte.“ So wurden einige der Studierenden mit konkreten Projektierungsaufgaben betraut. Der Bauhäusler Eduard Ludwig entwarf  drei- und viergeschossige Wohnhäuser, Isaak Weinfeld die Apartmenthochhäuser, Wilhelm J. Hess die Klub- und Boardinghäuser, Vera Mayer-Waldeck erarbeitete das Projekt der Ganztageskindergärten, Hilde Reis, Waldemar Alder und Wils Ebert projektierten die Kinderstadt mit dem Schul-, Ausbildungs- und Weiterbildungszentrum, Selman Selmanagic untersuchte und plante die Verkehrswege. Gemeinsam mit Pius Pahl entwarf Selmanagic den Krankenhauskomplex und die Schwimmhalle mit Restaurant, während Isaac Butkow die Planung für das Theater und den Filmpalast übernahm. Die Bauhauswerkstätten Innenausbau, Reklame und Wandmalerei entwarfen die Stadtmöblierung, wie die farbige Hauswandgestaltung, Sitzbänke, Telefonzellen, Wartehäuschen, Pergola, Haus- und Straßenbeleuchtung, Beschilderung, Werbeflächen u.ä.

 

Bauhaus-Projekt Schwimmhalle Dessau
Abb. 6: Bauhaus-Projekt Junkers-Siedlung, Entwurf Restaurant der Schwimmhalle von Selman Selmanagic, Dessau 1932

Besonders hervorzuheben war die außerordentlich günstige Standortwahl mit ihrer bereits vorhandenen verkehrstechnischen sowie energieseitigen Infrastruktur zwischen den Stadtteilen Groß- und Kleinkühnau sowie Ziebigk. Auch Fragen des Umweltschutzes spielten bei Planung eine wesentliche Rolle. Vorteilhaft auswirkend gestaltete sich auch die unmittelbare Anbindung der geplanten Großsiedlung zum Standort der Junkerswerke und dem Flugplatzgelände. Für letzteres hatte der Bauhäusler Heiner Knaub 1931 als Diplomarbeit ein in die Zukunft weisendes modernes Flughafenprojekt erarbeitet.

Als ein soziales Novum ist das vom Dessauer Oberbürgermeister Fritz Hesse angeregte und von Prof. Hugo Junkers gefördertes Jugendheim für Arbeitslose zu werten, das der Bauhausdirektor Ludwig Mies van der Rohe mit in die Projektierung einbezog. Es entstand ein ganzheitliches Programm, das einen hohen Neuheitsgrad aufwies und in seiner geplanten Umsetzung im städtebaulichen und sozialen Sinne der Entwicklung weit vorauseilte.      

 

Bauhaus-Projekt Junkers-Siedlung Dessau
Abb. 7: Bauhaus-Projekt Junkers-Siedlung, 1932

 

Bis 1932 gestaltete sich der Dessauer Siedlungsbau in Verbindung mit Wohnungsbaugenossenschaften und kommunalen Wohnungsbaugesellschaften zu einer Bewegung bzw. Domäne progressiver Architekten, der sich auch Traditionalisten anschlossen. Vernachlässigt man einmal die wirtschaftlichen Veränderungen aufgrund der Weltwirtschaftskrise und die Verschärfung der politischen Verhältnisse in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre, so gestaltete sich die Zusammenarbeit aus dem Blickwinkel der Junkerswerke, dem Bauhaus und der Stadt Dessau durchaus positiv. Die unter der „Ära Mies“ entstandenen Bauhausarbeiten zeichnen sich durch Kontinuität, Praxisbezogenheit und vor allem durch eine hohe Qualität aus, können sich sehen lassen. Entsprechend seinem vorgelegten Programm erhielten Architektur und  Innenausbau das Primat. Die zwischen 1930-1932 erarbeiten Architekturstudien für die Stadt Dessau und die Junkerswerke  wurden leider nicht realisiert. Das war eindeutig der wirtschaftlichen Situation und den politischen Veränderungen jener Zeit geschuldet.

Das Bauhaus-Projekt für die Junkers-Großsiedlung in Dessau verkörpert in wohl einmaliger  pädagogischer Weise das angestrebte Lehranliegen des Bauhauses von Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe: die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschule, im Geistigen und Praktischen, im interdisziplinären sowie methodologischen Herangehen von Lösungswegen..    

Mit dem Auftrag für dieses Großprojekt und seiner gesicherten Finanzierung verhalf  Prof. Junkers die Existenz nicht nur der Architekturabteilung sondern auch das Überleben des  Bauhauses in den Jahren  1931 bis 1932 zu sichern

Seine Verbundenheit und  soziales Engagement zu den Bauhäuslern zeigte sich auch in den wöchentlich überwiesenen Festbeträgen für die Mensa des Bauhauses zur Versorgung der Studenten.. Zu einer Zeit, in der die rechtskonservativen Kräfte das Bauhaus bereits bekämpften, hatte  Junkers exemplarisch seine Verbundenheit mit  dem Bauhaus aktiv deutlich gemacht.

Helmut Erfurth

Oben

Literatur:

  1. Erfurth, Helmut: Das Bauhaus plant für Junkers, in: Rund um die Sieben Säulen, Anhaltische Verlagsgesellschaft Dessau, 1991, ISBN 3-910192-12-2 Erfurth,
  2. Helmut: Junkers, das Bauhaus und die Moderne, Anhalt Edition Dessau, 2010, ISBN 978-936383-18-8 Kollektiv: Der vorbildliche Architekt – Mies van der
  3. Rohes Architekturunterricht 1930-1958 am Bauhaus und Chicago, Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung, Berlin 1986, ISBN 3-87584-180-8 Selmanagic,
  4. Selman: Entwurf einer Arbeitersiedlung, in: 50 Jahre Bauhaus Dessau, Form und Zweck – Fachzeitschrift für industrielle Formgestaltung, Nr. 6/1976, Berlin(Ost) 1976 
  5. Wingler, Hans Maria: Junkers baut für seine Arbeiter, in: Museum – Bauhaus-Archiv Berlin, Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1979

Abbildungen:

Abb. 1: Stadtplan Dessau, Detail Junkerswerke mit Flugplatz und der geplanten Arbeitersiedlung, Gestaltung: Joost Schmidt, Bauhaus, 1932
Abb. 2: Ludwig Mies van der Rohe, 1931
Abb. 3: 
Ludwig Mies van der Rohe mit Studenten seines Architektur-Seminars, Foto: Pius Pahl, Dessau 1931
Abb. 4: Bauhaus-Projekt “Junkers-Siedlung”, Entwurf der Reihenhäuser von Eduard Ludwig, Dessau 1932
Abb. 5:
Bauhaus-Projekt “Junkers-Siedlung”, Entwurf einer Knaben- und Mittelschule, Dessau 1932
Abb. 6: Bauhaus-Projekt “Junkers-Siedlung”, Restaurant an der Schwimmhalle, Entwurf von Selman Selmanagic, Dessau 1932
Abb. 7: Bauhaus-Projekt “Junkers-Siedlung”, Gesamtplan, Dessau 1932

Alle Abbildungen entstammen der "Sammlung Erfurth".