Besuch bei einer „alten Tante JU“ in Sibirien

Für die Sowjets war die Junkers Ju 52 seit ihrem Erscheinen schon immer ein Objekt der Begierde. Bereits die DERULUFT, eine deutsch-russische Luftverkehrs A.G., nutzte auch die Ju 52 in der Sowjetunion. Ende 1936 erbeuteten die Republikaner im spanischen Bürgerkrieg eine Ju 52/3m, die in der Sowjetunion gründlich untersucht und insgesamt ca. 32 Stunden geflogen wurde. Neben den beiden von der estnischen Fluggesellschaft EGO übernommenen Ju 52 wurden während des Zweiten Weltkriegs und danach zahlreiche erbeutete Ju 52 wieder flugfähig gemacht und vor allem zivil genutzt. 1951 endete das Kapitel der Ju 52 in der Sowjetunion, oder doch nicht...?

Der Autor Heimo Stadlbauer nach einer mühsamen Wanderung bei der Junkers Ju 52/3m

Unendliche Weiten, Wälder und tiefe Temperaturen im Winter - das verbindet man mit Sibirien. Dank einer Junkers Ju 52/3m reiste ich im Juli 2003 nach Ostsibirien. Wie kam es überhaupt dazu? Seit meiner Jugendzeit interessiere ich mich als Modellflieger auch für naturgetreue Flugzeuge, aber seit dem Kauf eines flugfähigen Ju 52 -Modellflugzeugs fasziniert mich besonders die „Tante Ju“. Einen ersten „Blickkontakt“ mit der A-702 (HB-HOT) der Schweizer Luftwaffe hatte ich bereits 1968 am Flughafen Salzburg, als sie, mit einem Hakenkreuz verunstaltet, für Filmaufnahmen („Agenten sterben einsam“) herangezogen wurde. 

Nach Informationsbeschaffung über Bücher und Internet erkannte ich, dass es weltweit noch ca. 60 Ju 52 oder Teile davon zu besichtigen gibt. Was liegt näher, als einmal in Mitteleuropa auf Besichtigungstour zu gehen? Im Herbst 2002 las ich jedoch in einer Luftfahrtzeitschrift einen Bericht über eine nach mehr als 50 Jahren in Ostsibirien, in der Nähe von Chita wiederentdeckte Ju 52. Ein Blick auf die Landkarte ließ mich erschaudern, Chita liegt ca. 6000 km östlich Moskau an der Transsibirischen Eisenbahn. Die Neugierde war jedoch größer und so nahm ich mit dem Wiederentdecker und Anbieter von Trekkingtouren Sergey Yakunin Kontakt auf und wir erstellten gemeinsam den Reiseplan. Nach den intensiven Vorbereitungen (Visum, Flugtickets, etc.) ging dann die Reise Mitte Juli los.

Einen Tag nach der Ankunft in Chita begann die ca. 200 km lange Anreise zur Junkers Ju 52/3m. Ca. 100 km holprige Straße waren ja noch eine Wohltat gegenüber dem, was dann noch folgte. Jetzt war Wandern angesagt. Unter Begleitung von Hunderten Stechmücken und Fliegen, über Stock und Stein, durch dichtes Gehölz und verbrannte Wälder gelangten Sergey und ich nach einer Übernachtung und insgesamt ca. 9 Stunden Marschzeit am nächsten Tag zur Ju 52. 

Welch ein Anblick, die Ju stand in voller Größe vor mir! Alle Mühsal war vergessen. Gleich ging es ans Fotografieren, Filmen und Erforschen. Das Wetter war leider eher schlecht, es nieselte etwas. 

Die Ju 52 in Sibirien
So malerisch lag die Junkers Ju 52/3mg7e mit der WNr. 7335 mehr als 50 Jahre in der Taiga.

Bei dieser Junkers handelte es sich um eine Beutemaschine der Russen aus dem Zweiten Weltkrieg, welche 1949 dort notlanden musste. Der Pilot hat die Maschine offensichtlich „sanft“ auf einem felsigen Gelände in ca. 1500 m Seehöhe  gelandet, lediglich das Heck und das Fahrgestell rissen ab. Der Zustand der Ju war schlecht, mehr als 50 Jahre war sie Wind und Wetter ausgesetzt. Die Instrumente und Tanks wurden entfernt und ein großer Teil der linken Tragfläche verbrannte anlässlich eines Waldbrandes. Ein Typenschild vom Hersteller mit der Werknummer konnte nicht gefunden werden. Lediglich auf der Seitenflosse gab es zwei Typenschilder. Eines von der Herstellung der Seitenflosse im April 1939 und daneben ein weiteres von Weser-Flugzeugbau- demnach dürfte die Seitenflosse im November 1941 dort repariert worden sein. Im Hinterteil des Laderaums wurde noch ein Typenschild gefunden, das als Herstellungsdatum den Juli 1942 aufwies. Nach vier Stunden Aufenthalt ging es den mühseligen Weg wieder nach Chita zurück.

Typenschild: Bauzeit der Ju 52 - 7/1942
Typenschild Ju 52.- Instandsetzung 11/1941
Typenschild Ju52 - JFM Dessau
Typenschilder im Flugzeugwrack

In den letzten Jahren gab es neue Erkenntnisse zu dieser Ju 52/3mg7e mit der WNr.7335, eingeflogen im Oktober 1941 in Bernburg, Stammkennzeichen BV+OJ, Einsatz bei 1./KüFlGr. 706, dann TSt. ObdM, zuletzt bei KGzbV 500, Verlust durch Bombenwurf in Pitomnik am 5.12.1942. Die Maschine wurde von den Russen geborgen, aus mehreren, von Wracks stammenden Einzelkomponenten wieder aufgebaut (siehe die oben angeführten unterschiedlichen Herstellungszeiträume der Einzelkomponenten), als CCCP-L54 ab 16.2.1944 registriert und bei der Aeroflot geflogen. Die Notlandung vermutlich wegen Vereisung erfolgte am 3.2.1949 auf einem Flug von Chita nach Krasnojarsk. Die Maschine wurde im Herbst 2003 geborgen, in Novosibirsk gelagert und soll restauriert werden.

Heimo Stadlbauer bei der Ju 52 in Sibirien
Das Abenteuer ist gut überstanden.

In Zuge der Rückreise nach Österreich genoss ich noch ca. 1000 km lang die Transsibirische Eisenbahn bis Irkutsk und anschließend den Baikalsee. Es war einfach interessant, in Sibirien ein bisschen Land, Leute und die unendlichen Weiten kennenzulernen. Diese Reise war sicherlich ein Höhepunkt meines Ju-Tourismus, denn in diese Gegend wäre ich sonst sicherlich nicht gekommen.

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Graz im Mai 2013

Dipl.- Ing. Heimo Stadlbauer

Ju 52 in Sibirien - Ansicht von Innen
Ju 52 in Sibirien - Vorderseite
Ju 52 in Sibirien - Cockpit von innen
Ju 52 in Sibirien - Blick aus dem Cockpit
Ju 52 in Sibirien - linke Tragfläche
Ju 52 in Sibirien - Rumpf
Ju 52 in Sibirien - Seitenleitwerk
Ju 52 in Sibirien - demolierter Motor
Ju 52 in Sibirien - Mittelmotor
Ju 52 in Sibirien - Tragfläche
Ju 52 in Sibirien - hinterer Rumpf
Ju 52 in Sibirien - Ansicht von vorne
Fotodokumente der Junkers Ju 52 in Sibirien