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Junkers Bosch

Fliegendes Hotel: Die Junkers G 38

"Sonnabend, den 9. November in Dessau. Ein ereignisvoller Tag, ein erlebnisreicher Tag! Ein Tag hochgespannter Erwartungen - wie immer, wenn Junkers "zur Besichtigung" einladet - und wie immer kehrte man mit einem großen Gewinn, mit einer starken Bereicherung an Einblick und Glauben, an Hoffnung und Vertrauen heim." Mit diesen Worten kommentierte John Rozendaal, einer der bekanntesten Kolumnisten der zwanziger Jahre, seine Eindrücke über ein besonderes luftfahrttechnisches Ereignis: den offiziellen Erstflug des größten Landflugzeuges seiner Zeit, der Junkers G 38.

Der interne Werkserprobungsflug war bereits am 6. November 1929 durch den Flugkapitän Zimmermann erfolgt und hatte ganze 85 Minuten gedauert. Innerhalb dieser relativ kurzen Zeitspanne wurde damals ein ganzes Programm technischer Neuheiten erstmals erprobt, die zum Teil unsere heutige moderne Luftfahrt noch mitbestimmen.

Mit der Konstruktion und dem Bau der Junkers G 38 - der Buchstabe "G" steht für das Wort "Großraumflugzeug" - gelang es dem Konstrukteur Ernst Zindel, eine Idee von Hugo Junkers Realität werden zu lassen. "Die G 38 ist ein Studienflugzeug für die spätere Verwirklichung der Nurflügel-Riesentype "J 1000", deren Grundidee ich bereits in meinem Patent über "Gleitflieger mit zur Aufnahme von nicht Auftrieb erzeugenden Teilen dienenden Hohlkörpern" im Jahre 1910 klar umrissen habe. Dieser Idee sind wir ein Stück näher gerückt." So stellte Prof Junkers der deutschen und internationalen Presse am 9. November 1929 sein neuestes Flugzeug vor.

Es galt als ein technisches Wunderwerk an Größe und Know-how. Mit einer Spannweite von rund 45m, einer Länge von 23m und einer Höhe von 5m sowie einer Tragfläche von fast 300 qm lag das Flugzeug weit über die damals üblichen Proportionen und war in seinen Ausmaßen nur mit dem Wasserflugzeug Do X der Dornierwerke zu vergleichen. Vier Junkersmotore mit insgesamt 2200 PS sorgten dafür, das die 14 920 kg schwere Maschine mit einer Reisegeschwindigkeit von 175 km/h ihre Passagiere und Fracht sicher an ihr Ziel brachten.

Eine Besonderheit war die große Dimensionierung des Flügelmittelstückes von rund 2m Höhe. Dadurch wurde ein großer zusätzlicher Raum geschaffen, der eine Wartung der Motore während des Fluges ermöglichte und zugleich für die Fluggäste eine besondere Attraktion darstellte: Auf diese Weise entstanden zusätzliche Passagierräume, und der Fluggast konnte durch die Fenster an der Flügelvorderkante wie auf einem verglasten Promenadendeck die Landschaft betrachten.

Doch das waren nicht die einzigen Neuheiten. Die Fernleitungen des Luftschraubenantriebes, das Kastenleitwerk, das große Tandemfahrwerk und der Ersatz des Sporns durch ein Rad, verbunden mit einer neuartigen Bremsvorrichtung der Räder und einem akustischen Landefühler, ermöglichten ein sichereres und angenehmes Fliegen und auch Fahren auf dem Rollfeld. Die großzügig verglaste, zweigeschossige Pilotenkabine mit ihrer damals modernsten Instrumentierung und auch die Gliederung bzw. Raumaufteilung im flug- als auch transporttechnischen Bereich waren beispielgebend. Verständlich, das sich Junkers diese Neuerungen bereits im Februar 1928 patentieren ließ.

Nach Beendigung der Flugerprobung, die mit vier Weltrekorde verbunden werden konnte - zweimal auf dem Gebiet der Geschwindigkeit sowie in Entfernung und Dauer - erhielt die G 38 die Kennung D-2000 der Lufthansa. Ein Zehnstundenflug mit internationaler Presse über Deutschland, Flüge nach Paris zur Tagung der FAT und ein Europarundflug, bei dem u.a. elf Hauptstädte angeflogen wurden und zahlreiche Prominenz aus Wirtschaft und Politik sich mit dem Flugzeug vertraut machen konnten, festigten den internationalen Ruf von Hugo Junkers als den innovativsten Flugzeugproduzenten.

In der Zwischenzeit entstand in Dessau eine weitere, bereits verbesserte Version der G 38. Nach einem Umbau der ersten Maschine wurden beide Flugzeuge im Europanetz der Deutschen Lufthansa eingesetzt, speziell auf der Linie Berlin-Amsterdam-London und zurück. Zufriedene Fluggäste bezeichneten die G 38 aufgrund ihrer 34 bzw. 30 Sitzplätze auf zwei Etagen und der damit verbundenen hohen Standards an Bequemlichkeit, Komfort und Sicherheit auch scherzhaft als "Fliegendes Junkers-Hotel".

Trotzdem ging während eines Probefluges am 26. Mai 1936 in Dessau die D-2000 durch einen technischen Fehler zu Bruch, wobei die Flugbesatzung nur mit einem Schrecken davon kam. Die zweite G 38 wurde bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Transportflugzeug eingesetzt und am 17. Mai 1941 durch englische Jäger auf dem Flugplatz Athen-Tatoi zerstört.

Eine im Dessauer Technikmuseum "Hugo Junkers" erhaltene Luftschraube der Junkers G 38 erinnert an die einstige Dimension dieses Großflugzeuges, das die Fachwelt nicht zu unrecht noch immer als das Stammflugzeug der heutigen Airbus-Entwicklung bezeichnet.